Auszug aus einer Studienarbeit von Annemarie Chwoika, Einwohnerin von Lieske und angehender Master of Tourism Management (MTM):

Der Missionshof Lieske

Dieses moderne und zweckmäßig ausgestattete Heim für geistig und körperlich behinderte Menschen entstand in einer Zeit sozialer Umwälzungen und Nöten.

Im 12. Jahrhundert befand sich das ehemalige Rittergut Lieske im Besitz von Hoyerswerdaer Grafen. Im 17. Jahrhundert ging das Rittergut in den Besitz des Grafen von Hoym, welcher der Ehemann von Gräfin Cosel war. Er kaufte das Grundstück, wo das ehemalige Hauptgebäude, das sogenannte Coselhaus, stand. Später verkaufte er es an seine Schwester und nach zahlreichen Eigentümerwechseln ging das Rittergut 1897 in den Besitz des „Verein für Arbeiterkolonien Sachsen“ über. Vor dem Hintergrund von sozialen

Umwälzungen und Nöten, eröffnete der Verein am 17. Oktober 1897 in Lieske seine zweite Einrichtung. Die Gründung der ersten Arbeiterkolonie war eine Reaktion auf die Verwahrlosung und das Elend, welches die Zeit der Industriegesellschaft hervorbrachte.

Mit Hilfe der Gründung der Kolonie in Lieske, ergab sich die Möglichkeit, arbeitsfähigen und arbeitswilligen Männern, welche entwurzelt und heimatlos geworden waren, eine Wiedereinführung in ein geordnetes und geregeltes Leben zu geben.

Die Arbeit des Vereins beruhte auf der Grundlage des christlichen Glaubens, was sich bis heute nicht geändert hat. Im Jahr der Eröffnung, nahmen 14 Männer die Arbeit auf dem Gut auf.

Diese wurden in den Bereichen der Teich-, Forst- und Landwirtschaft beschäftigt, was sich auch bis heute nicht geändert hat.

 

Zu Beginn der 20er Jahre, wurde es aufgrund der Inflation schwierig die Kolonie Lieske aufrecht zu erhalten.Durch finanzielle Mittel

des Vereins der Arbeiterkolonien, konnte Lieske jedoch weiter bestehen.

Vor Beginn des zweiten Weltkrieges bot das ehemalige Rittergut eine Kapazität von 60-100 Plätzen zur Unterbringung von Kolonisten. Bis 1945 kämpfte die Kolonie mehrfach um ihre Existenz und hatte schwere Kriegsfolgen zu beseitigen. 1946 übernahm das „Landeskirchliche Amt für Innere Mission“ das Rittergut Lieske in seine zentrale

Verwaltung, wodurch 1947 eine organisatorische Änderung der Zielstellung erfolgte. Das Koloniegut sollte nun mehr die Aufgabe haben, kranke Menschen aus therapeutischen Gründen zu beschäftigen und zu beherbergen, wodurch der neue Name Koloniegut

Lieske entstand. Im selben Jahr wurde dem Antrag mehrerer Familien,

aus der Gemeinde auf Grundbesitz zur Überlassung, statt gegeben. Im Jahr 1954 beschloss das Landeskirchliche Amt, die Struktur des Gutes erneut zu ändern. Es sollte nun als Heim für schwachsinnige Erwachsene Männer fungieren. Nach diversen Vorrichtungsarbeiten

und Umbauten, belegten im November 1954 die ersten 20 Schwachsinnigen Männer im Alter von 18 bis 20 Jahren das Heim. Ihre persönlichen Schicksale waren meist unbekannt. Einige kamen aus östlichen Gebieten von Flüchtlingstrecks und andere

wiederum wurden bis zu ihrem Einzug in das Heim von katholischen Schwestern versteckt. In Lieske fanden die jungen Männer ein Zuhause, obwohl es in dieser Zeit eine Behindertenarbeit, wie sie im heutigen Verständnis erfolgt, noch nicht gab.

In den folgenden Jahren wurden alle möglichen Anstrengungen und Maßnahmen unternommen, um die Lebensumstände der Behinderten zu verbessern.

 

1976 wurde das Heim auf Wunsch der Mitarbeiter umbenannt in „Missionshof Lieske, Arbeitstherapeutische Einrichtung für hirngeschädigte Männer“. Der Missionshof gliederte sich ab

sofort in die Bereiche Arbeitstherapeutische Einrichtung für hirngeschädigte Menschen und die Landwirtschaft. Ab 1977 wurden Gewinne durch die Arbeit in der Landwirtschaft erwirtschaftet und für neue Investitionen in beiden Bereichen eingesetzt.

Nach der Wiedervereinigung hatte der Missionshof ein schwieriges Anerkennungsverfahren als Werkstatt für Behinderte zu durchlaufen. Durch den Werkstattverbund mit

dem Maria-Martha-Heim in Panschwitz-Kuckau, konnten die geforderten Auflagen erfüllt werden.

 

Im Dezember 1992 übernahm das Diakonische Werk die Trägerschaft

des „Missionshofes Lieske im Diakonischen Werk Kamenz e.V.“. Die Diakonie ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirche. Sie unterstützt und berät Menschen, welche in sozial ungerechten Verhältnissen, unabhängig von Einkommen, Nationalität und Kirchenzugehörigkeit,

leben. In den folgenden Jahren erfolgten wieder zahlreiche Um-und

Ausbauten des Heimes, um das Arbeitsangebot zu erweitern, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Voraussetzungen für eine marktwirtschaftliche Arbeits-

weise zu schaffen. Der Missionshof Lieske ist die einzige Einrichtung in Sachsen, die Behindertenarbeit und die Landwirtschaft in der Form kombiniert. Das Betreuungskonzept des Missionshofes geht davon aus, dass es keine besonderen Kategorien von Menschen gibt. Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung haben dieselben

Rechte wie gesunde Menschen. Den Bewohnern wird ein normaler Tagesrythmus, d.h. Wohnen, Arbeiten und Freizeit ermöglicht. Die allgemeine Zielsetzung des Missionshofes ist auf dem christlichen Glauben und den Grundsätzen des Diakonischen

Werkes begründet. „Diakonie heißt Dienst und geschieht immer wieder unmittelbar und spontan von Mensch zu Mensch.“ Diese Zielsetzung wird durch die Mitarbeiter des Missionshofes, ohne die das System nicht funktionieren würde, verwirklicht.

Insgesamt sind 45 Mitarbeiter auf dem Hof beschäftigt, welche als Krankenpfleger, Altenpfleger, Sozialpädagogen, Heilerziehungspfleger oder in technischen Berufen ausgebildet sind. „Leben und Arbeiten auf dem Missionshof Lieske bedeutet für behinderte und nichtbehinderte Menschen, das Leben als sinnvoll zu erfahren und zu unterstützen

und immer neue Ideen für das Leben zu suchen.“

 

Heute leben und arbeiten 83 behinderte Menschen, davon vier Frauen, auf dem Hof.Leben auf dem Missionshof bedeutet nicht, dass die behinderten Menschen auf private Bedürfnisse verzichten müssen, die Mitarbeiter des Hofes helfen ihnen das Leben so

normal wie möglich zu gestalten. Neben den alltäglichen Dingen wird den Behinderten

eine Vielzahl von Aktivitäten geboten. Anstehende Feste, wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag oder Fasching werden mit Gottesdienstbesuchen und allem was dazu gehört

gebührend gefeiert. Weiterhin gibt es den Liesker Weihnachtsmarkt, welcher immer am Sonnabend vor dem zweiten Advent stattfindet, das alljährliche Brauereifest, Sportfeste, Bastelabende, Theater-, Kino- und Konzertbesuche, Filmvorträge oder Spaziergänge. Ein großes Highlight für die Männer sind die jedes Jahr im Spätsommer stattfindenden Urlaubsfahrten, wobei die Männer dabei in verschiedene Gruppen geteilt

werden. Die Rentnergruppe fährt gesondert eine Woche in die nähere Umgebung, wie zum Beispiel 2010 nach Burghardtsgrün im Erzgebirge, um sie nicht zu überfordern.

Es gibt aber auch einige, die nur einen Tagesausflug, wie zum Beispiel eine Dampferfahrt auf der Elbe, aufgrund ihres Gesundheitszustandes, verkraften. Mit dem größten Teil der Bewohner wurden schon zum Teil weite Urlaubsziele angesteuert, wie zum Beispiel Israel, Schweden, Holland, Österreich oder Ungarn.

Seit Jahren gibt es eine enge Beziehung zwischen dem Missionshof und dem Dorf. Die Einwohner sind an die Heimbewohner gewöhnt, wodurch sie ohne Scheu und ganz normal mit ihnen umgehen können.

 

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Tel: (035792) 57 10

 

Fax: (035792) 57 112